aus der Ortschronik von Hermann Hering, S. 120-121
Im Jahr 1928 gründete der damalige Lehrer Hugo Müller eine Modellfliegergruppe. Die Flugmodelle wurden in einem Klassenzimmer der Volksschule in Hellenhahn-Schellenberg gebaut und am Schellenberger Berg geflogen. Diese Tätigkeit, und die beim Fliegen der Modelle sichtbaren Erfolge, führten zu einer großen Begeisterung bei den Mitgliedern der Modellbaugruppe. Schon bald suchte man nach Möglichkeiten einen Flugapparat zu bauen, mit dessen Hilfe die jungen Männer Flugversuche machen wollten. Mit viel Mühe und ohne großen Sachverstand wurde aus Latten, Pappe, Stoffresten und Draht ein Apparat gebaut, der eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Flugapparat des Otto Lilienthal hatte. Es entstand zunächst ein Doppeldecker, in dessen unterer Tragfläche sich eine Aussparung für den Piloten befand. Dieser stand in der Aussparung und war mit Gurten mit dem Fluggerät verbunden. Um die erforderliche Startgeschwindigkeit zu erreichen, musste der „Flugzeugführer“ mit Skiern den Hang am Schellenberger Berg herunterfahren und konnte durch Veränderung des Anstellwinkels Sprünge von bis zu zwei Metern Höhe und etwa 10 bis 20 Metern Weite erzielen.
Aus Schnee gebaute Sprungschanzen begünstigten diesen Effekt und erhöhten die Reichweite der Sprünge bis zu 100 Metern (nach Angabe von Augenzeugen). Bei geeigneten Wetter- und Schneeverhältnissen wurde der „Pappvogel“ aus der Schulscheune geholt, um am Schellenberger Berg Sprünge zu üben. Dabei fanden sich schon bald flugbegeisterte Zuschauer ein, die den Piloten Jupp Boller immer mit reichem Beifall bedachten.
Aus dieser zunächst laienhaften Flugsportzelle entwickelte sich alsbald die Segelfliegergruppe Hellenhahn-Schellenberg. Begünstigt durch die Arbeitslosigkeit nach der Wirtschaftskrise im Jahre 1929 wurde ein Verein gegründet, der dem DLV (Deutscher Luftsportverband) angegliedert war.
In der Schulscheune wurde ein Schulgleiter vom Typ „Zögling“ gebaut, dessen Führersitz mit einer abnehmbaren Verkleidung versehen war. Dieser erste, wirklich flugfähige Gleiter entsprach auf den ersten Blick dem späteren Schulgleiter SG 38, der vielen Westerwälder Männern noch von der Schulung am Schellenberger Berg her bekannt sein dürfte. Wegen der zahlreich vorhandenen Spanndrähte wurde das „Flugzeug“ von den Dorfbewohnern auch „Drahtesel“ genannt.
1932 begann man mit dem Bau der Fliegerhalle oberhalb der Kapelle im Wäldchen „Kniesalen“. Die Gemeinde stellte das Holz kostenlos. Da in der Segelfluggruppe die meisten Mitglieder ein Handwerk erlernt hatten, wurde die Halle überwiegend in Eigenleistung gebaut.
Alle o. a. Aktivitäten, die viele Arbeitsstunden von den Mitgliedern, aber auch für die damalige Zeit erhebliche finanzielle Aufwendungen erforderten, wurden von Lehrer Hugo Müller geleitet und organisiert. Es war somit auch irgendwie selbstverständlich, dass die neu errichtete Fliegerhalle den Namen „Fliegerhorst Müllerruh“ erhielt. Der prüfende Blick von Lehrer Hugo Müller gegen die Wolken am Samstag und der oftmals nachfolgende Spruch „ moje flieche mer“ war bald in aller Munde.
Die Segelfliegergruppe in Hellenhahn-Schellenberg hat mit der Ausübung des Segelflugsportes am Schellenberger Berg in der damaligen Zeit viel Aufsehen erregt. Besucher kamen von weit her, um der neuen Sportart begeistert zuzuschauen. Sogar ein Reporter der Frankfurter Illustrierten fand den Weg zum Westerwald und brachte einen zweiseitigen Fotobericht über „Das fliegende Dorf“ (siehe Seite 132).
Die nun schon fortgeschrittenen Segelflugsportler bauten, wie immer in Eigenleistung, ein neues Flugzeug vom Typ „Falke“, ein Hochdecker mit nach hinten gepfeilten Tragflächen. Vom rein optischen Aussehen her ein wunderschönes Flugzeug. Wegen der silberfarbenen Gestaltung der Rumpf- und Tragflächenbespannung erhielt das Flugzeug den Namen „Silberfalke“. Junge Männer aus dem gesamten Gebiet des Westerwaldes kamen nach Hellenhahn-Schellenberg und schlossen sich der Segelfluggruppe an. Der Silberfalke wurde auf vielen Flugtagen in Limburg (Mensfelder Kopf), in Hirzenhain und auf der Wasserkuppe erfolgreich eingesetzt und war der Stolz der hiesigen Segelfliegergruppe.
Ein Zwölfmeter-Zögling (Spannweite der Tragflächen = 12 Meter) war gekennzeichnet mit dem Westerwälder Ruf „Hui Wäller“. Dieser diente zur erweiterten Anfängerschulung. Hinzu kam der Bau eines Segelflugzeuges, dessen Baupläne der Wochenzeitschrift „Grüne Post“ entnommen worden war. Dieses Flugzeug, ebenfalls ein Hochdecker, jedoch mit geraden Tragflächen, hatte bei weitem nicht die guten Flugeigenschaften, wie sie der Silberfalke hatte (der Gleitwinkel betrug wenig mehr als die Hälfte).
Zu den damaligen Flugschülern gehörte u. a. der spätere Halter des Höhenflug Weltrekordes für Segelflugzeuge, Herr Erich Klöckner, damals wohnhaft in Hirtscheid. Andere Mitglieder der Segelfluggruppe waren später bei der Luftwaffe in den verschiedensten Positionen des fliegenden Personals eingesetzt. Ein Mitglied ist als Jagdflieger in Russland gefallen.
Segelflieger müssen über ein gewisses Maß an Freizeit verfügen, um allen Verpflichtungen nachkommen zu können, die sich aus der Ausübung ihres Sportes ergeben, So muss beispielsweise erhebliche Zeit geopfert werden, um die Segelflugzeuge zu bauen, zu warten und um letztlich den Flugbetrieb ausführen zu können.
Mit der beginnenden Entspannung des Arbeitsmarktes wurde die zur Verfügung stehende Freizeit spürbar weniger und der Flugbetrieb am Schellenberger Berg wurde stetig weniger. Die Versetzung von Lehrer Hugo Müller nach Frankfurt/Main und die zwangsweise Eingliederung der Segelfliegergruppe in das NSFK (Nationalsozialistisches Fliegerkorps) brachten zusätzliche Probleme. So kam es, dass der Flugbetrieb im Jahre 1934 völlig eingestellt wurde. Die Leitung der Segelfluggruppe wurde von Hellenhahn-Schellenberg nach Höhn verlegt. Dem Antrag der nun in Höhn ansässigen Segelfluggruppe zur Verlegung der Fliegerhalle nach Höhn, wurde von der Gemeinde Hellenhahn-Schellenberg stattgegeben. Die eigentliche Verlegung der Halle kam nie zur Ausführung.
Viele Jugendliche waren von der Fliegerei angesteckt und bauten Segelflugmodelle, mit denen sie in ihrer Freizeit auf jeder geeigneten Anhöhe der Hellenhahn-Schellenberger Gemarkung Flugversuche ausführten (mehr hierzu auf den Seiten 132 und 133).